Lügen. Wahrheit? Schamanische Stellvertreterarbeit und Carlos Castañeda
Ich bin heute einer Sache auf die Spur gekommen, die mich eigentlich schon lange beschäftigt. Vielleicht mein Leben lang! Und das ist das Thema Lüge und Wahrheit.
Ich war im Schamanischen Heilkreis. Wir haben eine stellvertretende Heilung gemacht, so heißt das bei uns, wenn der Tänzer nicht selbst anwesend ist. Einer von uns übernimmt - mit Einverständnis des Tänzers - seinen inneren Zustand. Dann findet die Zeremonie statt und am Ende gibt der Stellvertreter seinen (jetzt veränderten) inneren Zustand zurück.
Ich war der Stellvertreter. Ich hatte dabei - und so kenne ich es - völlig andere Gefühlswelten und auch einige Ahnungen und Bilder, die eben aus der Welt des Tänzers stammen.
Beim Heilkreis liebe ich, dass wir uns austauschen können. Ich versuche dann, den Spagat zwischen dem, was ich mir mit meinen Gedanken und meinen Gefühlen zurechtschustere und dem, was ich als Wahrheit in der Anderswelt erlebe, zu verkleinern. Ich will verstehen, was ich mir nur einbilde und was nicht. Und ich war vor kurzem völlig überrascht, dass wir keine übereinstimmenden Wahrnehmungen hatten. Ich in meiner Stellvertreterrolle hatte das Gefühl gehabt, dass es um Lügen und um Vertrauensbrüche, Betrug geht. Das habe ich auch ausgesprochen, aber für die anderen war das kein Thema, das von Gewicht war (was im Prinzip ja auch typisch ist für Schamanen: Es gibt keine schwierigen oder tabuisierten Themen, nur Energien.)
Jetzt brachten die Schamanen ihre Wertschätzung für die Arbeit zum Ausdruck. Sie waren geradezu begeistert davon, dass die Mutter hier war, um für ihren Sohn eine stellvertretende Heilung zu veranlassen! Aber ich hatte in meiner Stellvertreterrolle das Gefühl gespürt, dass die Mutter uns alle angelogen hatte. Als dann der Mutter sogar ein Platz in unserem Kreis als Schamanin mit natürlicher Anlage zum Schamanismus angeboten wurde, war ich entsetzt!
Schamanen machen sich bei ihrer Arbeit innerlich frei von allem, was sie sind. Vor allem ihre Glaubenssätze, ihre Wertungen, lassen Schamanen außen vor, wenn sie eingewilligt haben, eine Arbeit zu machen. Das bedeutet nicht, dass es kein „Gut und Böse“ mehr gibt, im Gegenteil: In der schamanischen Geister- und Energiewelt gibt es gut und böse, und ein Schamane kämpft für den Tänzer mit dem Bösen oder bittet es, zu verschwinden und sich einem sinnvollen Ziel zuzuwenden, statt den Tänzer zu belasten und zu quälen.
Das bedeutet in der Praxis, dass ich als Stellvertreter des Tänzers seine Wertungen und seine Probleme fühle und gleichzeitig offen bin für die Arbeiten der Schamanen um mich herum, die räuchern, entsetzen und heilen.
Castañeda ist eines meiner größten Vorbilder mir Aussagen wie: „Nimm dich selbst nicht so wichtig!“. Das hat mir immer geholfen.
Don Juan, Castañedas Schamane in seinen Büchern, ist ein Zauberer. Er verzaubert mit Worten. Ich habe begonnen, seine Bücher zu lesen, als ich mit Hypnose angefangen habe. Castañeda trickst seine Leser aus genau wie Don Juan seinen Schüler: Man weiß nicht, was gemeint ist, aber aus der Sicht von Don Juan scheint alles ganz klar zu sein. Don Juan ist ein Trickster, würden wir sagen, denn er erbringt physikalische Unmöglichkeiten und hat Kenntnisse, die einem anscheinend ungebildeten Arbeitslosen nicht gebühren. Don Juan schlägt mit Logik-Keulen auf seinen Schüler ein und entzieht ihm im nächsten Moment jeden Halt, jeden Anspruch, Recht zu haben, richtig zu sein.
Hier also Carlos Castañeda:
„Ich wandte ein, es gebe in der zivilisierten Welt viele Menschen, die Wahnbilder haben und das, was in der realen Welt vorgeht, nicht von dem unterscheiden können, was in ihren Phantasien stattfindet. Solche Menschen, sagte ich, weine zweifellos geisteskrank, und mein Unbehagen nehme jedesmal zu, wenn er von mir erlangte, wie ein Geisteskranker zu handeln.
Nach dieser langen Erklärung von mir machte Don Juan eine komische Geste der Verzweiflung, wobei er die Hände an die Wangen legte und laut seufzte.
‚Lass deine zivilisierte Welt aus dem Spiel‘, sagte er. ‚Lass das sein! Niemand verlangt von dir, dich wie ein Irrer zu benehmen. Ich sagte dir schon, ein Krieger muss vollkommen sein, um mit den Kräften umgehen zu können, die er jagt. Wie kannst du glauben, dass ein Krieger nicht imstande ist, die Dinge zu unterscheiden? Du dagegen, mein Freund, der du weißt, was die reale Welt ist, würdest augenblicklich scheitern, wenn du auf deine Fähigkeit angewiesen wärst, zu unterscheiden, was real ist und was nicht.‘
Offensichtlich hatte ich das, was ich sagen wollte, nicht klar zum Ausdruck gebracht. Jedesmal wenn ich Einwände vorbrachte, fasste ich nur die unerträgliche Frustration in Worte, dass ich mich in einer unhaltbaren Situation befand.
‚Ich versuche nicht, aus dir einen Kranken, einen Verrückten zu machen‘, fuhr Don Juan fort. ‚Das schaffst du schon allein und ohne meine Hilfe. Aber die Kräfte, die uns leiten, haben dich zu mir geführt, und ich habe mich bemüht, dich zu lehren, deine törichtste Lebensweise zu ändern und das starke Leben eines Kriegers zu leben. Dann führten die Kräfte dich abermals und sagten mir, du sollst lernen, das unfehlbare Leben eines Jägers zu leben. Oder kannst du das nicht? Aber wer weiß das schon? Nichts ist so geheimnisvoll und ehrfurchtgebietend wie diese unergründliche Welt - wer kann also wissen, wozu du fähig bist?‘
In Don Juans Stimme schwang ein Ton der Trauer mit.“
Aus: Carlos Castaneda, Reise nach Ixtlan, S. 103
Jäger, das ist bei Don Juan der Tod. Das Leben eines Jägers zu leben, ist ein Paradox. Wir alle fühlen uns als Opfer des Todes, und Don Juan sagt: „Der Tod geht immer 3 Schritte hinter uns. Er ist ständig da.“
Aus paradoxen Erklärungen macht unser Unterbewusstes einen Suchlauf: Was könnte gemeint sein? Wir suchen mit den Gedanken Halt, wir wollen verstehen und machen aus Ungenauigkeiten kleine „Chunks“, die dann so klein und abgegrenzt sind und genau in einem bestimmten Kontext sinnvoll und richtig wirken.
Schamanismus und auch andere Trancearbeiten bringen uns in einen Zustand, in dem wir die gefühlte Wahrheit erleben kann. Das bereitet mir ein Gefühl von Richtigsein. Ich bin dann so erfüllt, fühle mich so eins mit der Wahrheit und mit mir selbst, oft auch mit meinem Gegenüber. Diese universelle Wahrheit heilt, so glaube ich.
Die gefühlte Wahrheit, die mystische, universelle Wahrheit, kleidet sich in Bilder und Gefühle. Dabei gibt es keine Fallen, Trugbilder oder Fehler, sondern nur Angebote. Wir können auf einer Ebene miteinander eins sein, wenn wir die Bilder akzeptieren, sie beschreiben und den Tänzer fragen, ob er das kennt. Es kommen tiefe Gefühle des Verbundenseins auf, obwohl ein Tonbandmitschnitt vielleicht nur zeigen würde, dass wir gemeinsam einen Wachtraum hatten oder in Phantasien geschwelgt haben.
Nach dem Kosten von dieser gefühlten Wahrheit verschwinden manchmal Schmerzen, vor allem aber bilden sich neue Gedanken und Lösungen. Die gefühlte Wahrheit ist unglaublich frei und kraftvoll.
Dieses Heil, das der Tänzer dann spürt, ist wissenschaftlich nicht messbar. Genausowenig wie ein Pflaster eine messbare Wirkung hat, es gibt nur Statistik (und bei schamanischen Arbeit: Erfahrung).
Dennoch ist die gefühlte Wahrheit zuverlässig da, und wir „reisen“ ständig in der Anderswelt herum, um sie zu erkunden. Aber gefühlte Wahrheit lässt sich nicht abklären.
Es gibt niemanden, der nicht mit einem Lächeln aus der schamanischen Arbeit herausgeht. Alle Tänzer haben diejenige Kraft gefunden, die - wie Don Juan - aus dem angeblich Belastenden einen Scherz macht. Wir spielen uns durch unsere Probleme.
Das, was ich mir von meinem Verstand wünsche, leistet die Anderswelt gerade ohne meinen Verstand: Die Anderswelt ordnet (ganze Themenbündel werden zu negativen Energien, die verfliegen oder ausgetrieben werden können, andere einfache Themen zeigen sich detailliert mit Stärken und Schwächen und beleuchten mein Wesen, lassen Selbsterkenntnis zu, die klärend und stärkend wirkt und von langfristigem Nutzen ist). Und weil die Anderswelt viel mit dem Lustprinzip gemeinsam hat, befriedigt sie und beflügelt sie. Sie macht komplizierte Dinge einfach und schafft eine gute Grundlage für Kreativität, Lösungen, machbare nächste Schritte, Tatkraft.
Was also ist mit der Lüge?
Lügen sind manipulative Gedanken. Sie erreichen uns nur in unserer Gedankenwelt.
Ich nehme Warnsignale aus der Anderswelt an. Doch die anderen in dem Heilkreis haben solche Warnsignale nicht erhalten. Es steht mir zu, meine Warnsignale mitzuteilen, aber wenn die anderen auf einem anderen Weg sind, ist das auch in Ordnung.
Lächeln würde Don Juan. Er richtet nicht und er trennt sich auch nicht von denen, die ihn nicht verstehen oder ernst nehmen. Er lässt einfach sein Licht strahlen und betrachtet sich dennoch als Banalität. Er fühlt sich eins mit den Kräften. Wenn jemand auftaucht in seiner Welt, ist er willkommen. Verständnis wäre schön, aber wenn es die Spirits so wollen, geht er mit der Energie auch dann mit, wenn die anderen anders ticken.
Es gibt sie, die Lüge. Aber das ist nur ein Universum von vielen. Wählen können wir, und wer zu lange über die Frage nachdenkt, ob etwas gelogen war, verpasst das Jetzt.